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Schon seit Tagen
Schon seit Tagen saß er in seinem Atelier, umgeben von
Büchern, Gemälden und Musikinstrumenten. Manchmal setzte er sich ans Klavier
und spielte ein bisschen, aber auch das wollte ihn nicht befriedigen. Dreimal
täglich brachte ihm die Haushälterin sein Essen, wechselte das Wasser zum
Händewaschen. Der Holzofen blieb unberührt und die Fenster geöffnet, weil es
Sommer war. Deshalb konnte er das lustige Treiben der Nachbarskinder im Hof
hören. Warum ging er nicht hinaus zu ihnen? Sie mochten ihn, den komischen
Vogel aus dem Dachgeschoss. Immer erzählte er ihnen etwas Witziges. Meist
umringten sie ihn und ließen ihn nicht gehen, bis er sie nicht mit
irgendeiner Geschichte erfreut hatte. Das war der Zoll, den die Kinderschar
ihm abverlangte. Aber nur ihm, die anderen Leute im Haus wurden mit
Gleichgültigkeit gestraft. Sie waren einfach grau und langweilig. Die
Kinderwelt braucht Farben, um ihre Gedankenwelt auszufüllen. Und das war es,
wovor er zitterte, wovor ihm schauderte, die Kinder mit ihren fordernden
Augen nicht befriedigen zu können. Am vorigen Tag war sogar eines, das
kleinste und niedlichste an seine Tür gekommen und hatte geklopft. Sie wussten
von der Haushälterin, die ihn für einen Taugenichts hielt, dass er nicht
krank war. „Was soll mit ihm schon sein!“ hatte sie den kleinen geantwortet,
„der sitzt an seinem Tisch und macht nichts.“ Er hatte dem bittenden Klopfen
nicht geöffnet und die kleinen, leichten Schritte waren traurig wieder die
Stiegen hinuntergegangen. Aber irgendwann würde er sich zeigen müssen und
eingestehen, dass er genauso wie alle anderen farblos und durchschnittlich
war. Sollte er ihnen sagen, dass auch er nur so in den Tag hineinlebt und
seinen Instinkten folgte? Nein, das konnte er nicht. Er schämte sich dafür,
ihnen nur Schokolade und Existenz anbieten zu können. Aber wenn wir wollen,
dass der Mensch sich weiterentwickelt, dürfen wir unsere Kinder nicht nur mit
Süßigkeiten vollstopfen und ihnen alle möglichen Spielzeuge aus dem
Schaufenster kaufen. Sie brauchen geistige Nahrung. Er könnte ihnen doch
irgendeine Fabel (Geschichte, in der die Tiere sprechen können.) von Aesopos
erzählen, sie würden sich auch darüber freuen. Wie Phaedrus und später Jean
de la Fontaine. Aber er wusste, dass das eine oder andere früher oder später
einmal das Original lesen würde, und dann natürlich sehr enttäuscht wäre,
dabei ein Vorbild verlieren würde.
Wir brauchen Illusionen, aber müssen dabei aufpassen,
diese nicht auf brutalste Weise zu zerstören. Er wollte ihnen, aber vor allem
sich selbst, treu bleiben. Und so saß er eingeschlossen in seinem Atelier.
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Sonntag, 16. August 2015
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